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Blick in die Textilsammlung im Museumsdepot mit zahlreichen Kleidungsstücken in Regalen

Kleid in der Bearbeitung

1930er Jahre

Rot-schwarz kariertes Kleid für Damen an einer Figurine Bild vergrößern

Kleid in der Bearbeitung, Wolle, Baumwolle mit Zellwolle, 1930er Jahre, 123 x 68 cm, Inv. Nr.: ra 00/416

Dieses blau–rot–weiß karierte Kleid wurde nie fertig. Es zeigt deutliche Spuren des Arbeitsprozesses einer Schneiderin, die es für den Eigengebrauch anfertigen wollte.


Am gesamten Kleid sind abgesteppte Orientierungsnähte aus weißem Garn zu erkennen. Der Schnitt ist schon deutlich zu sehen: Der Rock ist mit unterschiedlichen Falten gearbeitet, das Oberteil hat einen Bubikragen und eine aufgenähte Blende. Die Knöpfe fehlen noch.

Ansicht des rot-schwarz karierten Damenkleids von schräg hinten, man erkennt eine offene Seitennaht

Die Besitzerin des Kleides Erna G. hatte in den 1920er Jahren auf Wunsch ihrer Mutter eine Lehre als Schneiderin gemacht und danach einige Jahre als Hausschneiderin gearbeitet. Nach ihrer Heirat 1928 gab sie ihren Beruf auf und nähte nur noch für sich und ihre Kinder. Im Gegensatz zu anderen Frauen war sie nicht auf einen Nebenverdienst als Hausschneiderin angewiesen.


Erna G. legte großen Wert auf modische Kleidung, vor allem bei der „besseren“ Garderobe, wie sie es nannte, wozu auch dieses Kleid gehören sollte. Anregungen entnahm sie nicht nur Modezeitschriften, sondern ließ sich auch von den in Schaufenstern ausgestellten Modellen inspirieren.


Es war in den 1920er und 1930er Jahren nicht unüblich, dass sich Frauen vor den Schaufenstern schnell eine Skizze der aktuellen Mode machten. Wie Zeitzeugen berichteten, veranlasste das viele Geschäftsinhaber, besondere Modelle nur kurze Zeit, manchmal nur wenige Stunden im Schaufenster zu präsentieren. Erna G. beobachtete auch ihre Umgebung oder ließ sich erzählen, was Frauen zu bestimmten Gelegenheiten getragen haben, um immer auf dem neusten Stand zu sein. Dabei ging es ihr nie darum, Kleidungsstücke zu kopieren. Auch Schnittmuster setzte sie nicht 1 zu 1 um. Wichtig war ihr ein individueller Kleidungsstil, der auf ihre Bedürfnisse abgestimmt war, und entsprechend änderte sie die Schnitte ab. Zum Teil hatte sie diese in den 1930er Jahren aus der Verbandszeitschrift „Unsere Kleidung. Vierteljahreshefte mit Schnittbogen – Kleidung, Wäsche und Handarbeiten“ entnommen. Die Zeitschrift wurde vom Verband Deutsche Frauenkultur im Deutschen Frauenwerk herausgegeben. Im Deutschen Frauenwerk hatten die Nationalsozialisten alle Frauenverbände gleichgeschaltet und diese neue Organisation dem NS-Frauenwerk unterstellt.


Erna G. hat das hier gezeigte Kleid nie fertiggenäht. Aber wegwerfen oder auftrennen, um den Stoff anderweitig zu verwenden, kam auch nicht in Frage. Ihre Kinder haben es nach ihrem Tod ins Museum gebracht.


Weitere Informationen zum Projekt "Glanz und Grauen"

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