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Blick in die Textilsammlung im Museumsdepot mit zahlreichen Kleidungsstücken in Regalen

Fotografie „Sonntagsausflug ins Grüne“

Um 1913

Historisches Schwarzweiß-Foto einer Familie auf einer Wiese Bild vergrößern

Fotografie „Sonntagsausflug ins Grüne“, um 1913, 9 x 12 cm, Inv. Nr.: eu 98/417

Wochenende, Sonnenschein, ein Ausflug ins Grüne, frische Luft und Natur – im Industriezeitalter entflohen viele Großstadtbewohner dem Schmutz und Gestank ihrer Umgebung.


Der Sonntagsausflug gehörte für Arbeiter, kleine Angestellte und die aufstrebende Mittelschicht zu den wenigen Vergnügen, das sie sich leisteten. Denn Ausflüge kosteten Zeit und Geld. Öffentliche Verkehrsmittel wie Straßen- und Eisenbahn und ab 1910 auch erste Buslinien waren verhältnismäßig teuer. Hinzu kamen das Essen und Trinken bei einem Besuch in den Biergärten oder im Gasthaus. Doch war schon die Fahrt selbst Teil des Erlebnisses und oft wurde sogar ein Erinnerungsfoto gemacht, das stolz bei Verwandten und Freunden herumgereicht wurde.


Auf dem Foto ist eine Kleinfamilie beim sonntäglichen Ausflug im Grünen zu sehen. Ein Familienvater sitzt mit seiner Frau und Tochter auf einer halbgemähten Weide. Etwas im Hintergrund haben sich zwei Damen platziert, möglicherweise die Tanten. Daneben stehen ein kleiner Junge und ein Mädchen. Ob die Kinder zu den Tanten gehören oder zur Familie, ist unklar. Der Mann trägt einen Sonntagsanzug und hat locker seinen Rock und Spazierstock an einen Baum gehängt. Er gönnt sich eine dicke Zigarre und demonstriert damit, dass er nicht nur entspannt den Ausflug genießt, sondern dass er sich etwas leisten kann. Vielleicht war er von Beruf Lehrer oder höherer Beamte, vielleicht arbeitete er auch in einem freien Beruf als Jurist oder Arzt.


Die Damen tragen helle Kleider mit Spitzen und Hüte mit Federschmuck und künstlichen Blumen. Die Kinder sind im typischen Matrosenstil des Kaiserreichs gekleidet. Die Kleidung symbolisiert städtische Kultur, die im Gegensatz zur Natur steht. Die Frauen und Kinder versuchten jedoch, sich ein Stück Natur zurückzuholen, indem sie sich Blumen an die Kleidung gesteckt oder – wie der Junge – Blumen für Zuhause gepflückt haben. Der Mann hingegen pflegt mit der Zigarre auch in der Natur die „Salonkultur“ weiter.


Diese kleinen Details verraten, wie sich die Menschen um 1910 im Spannungsfeld zwischen Stadt und Natur bewegten. Trotz des Bedürfnisses nach Natur war diese den Menschen aus den Industriegebieten weitgehend fremd geworden. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebte um 1910 in Städten. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet hatten Städte wie Köln, Wuppertal oder Düsseldorf zu dieser Zeit weit über 300.000 Einwohner, Dortmund mehr als 200.000.


Bis zum Ersten Weltkrieg betrug die durchschnittliche Arbeitszeit 48 Stunden in der Woche. Urlaub war bis in die 1920er-Jahre nur dem gehobenen Bürgertum vergönnt. So blieb wenig Zeit für die „Sommerfrische“. Diese konnte nur an Sonntagen genossen werden.


Weitere Informationen zum Projekt 1914 – Mitten in Europa

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